Mülltauchen fördert Kreativität

Nach längerer Funkstille, kommen wir wieder zu der im Mai durchgeführten Dumpster Diving Challenge. Zur Wiederholung, im Mai haben wir Leute begleitet, die beschlossen haben, sich einen Monat lang so gut wie möglich von Lebensmitteln zu ernähren, die durch „Dumpsteraktivitäten“ beschafft wurden (zu dem Artikel Dumpster Diving May Challenge), also Essen aus der Supermarkt-Mülltonne.
Nachfolgend berichten die TeilnehmerInnen selbst über Erfahrungen, Schwierigkeiten sowie Überraschungen, auf die sie während der Herausforderung gestoßen sind. Außerdem geben sie Auskunft darüber wie und ob überhaupt sich ihr Leben und ihre Essgewohnheiten im Mai geändert haben.

„Ich muss offen zugeben, dass ich am Anfang etwa skeptisch war, was den zeitlichen Aufwand angeht. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass man so wirklich genug Essen zum Überleben findet, ohne jeden Tag kreuz und quer durch die Stadt zu fahren und in jede Mülltonne reinzuschauen“, erzählt eine junge Teilnehmerin, die zurzeit in Graz studiert. „Überraschend für mich war die Tatsache, dass ich während der Challenge genau so viel oder sogar noch weniger Zeit mit Essensbesorgungen verbrachte, als bei meinem herkömmlichen Besuch im Supermarkt. Da ich ein Mensch bin, der die Produkte im Geschäft vergleicht und auf das Preis-Leistungs-Verhältnis achtet, fühle ich mich in Supermärkten von der großer Auswahl überfördert und dementsprechend lange dauert auch mein Einkauf. Beim Dumpster Diving hingegen ist man von allen Einkaufssorgen befreit. Man muss nicht auf den Preis achten und aus einer breiten Produktpallette die beste Alternative auswählen. Man nimmt einfach das, was es gibt und freut sich darüber. In der Mülltonne sind plötzlich alle Lebensmittel gleich viel wert und Marken spielen hier keine Rolle. Jeden Tag bleibt etwas anderes übrig. Einmal sind das ganz billige Aufstriche und ein andern Mal luxuriöser Räucherlachs aus Norwegen. An Vielfalt mangelt es einem sicher nicht, man kostet sich quer durch den ganzen Laden.“

Wenn man sich es traut, in die Mülltonne zu schauen.

Wenn man sich traut, in die Mülltonne zu schauen.

Was man in der Mülltonne am häufigsten findet, ist abhängig von Saison und Supermarkt. Im Bereich Obst gibt es vor allem Äpfel, Zitronen aber auch Exotische Früchte wie Mangos. Beim Gemüse sind es Paprikas, Karotten und Blattsalate. Das heißt alles, was man im Geschäft in der Regel in größeren Packungen kaufen kann. Es reicht schon, dass ein Apfel aus der Packung nicht mehr optisch einwandfrei ist damit der ganze Sack, inklusive der einwandfreien Äpfel, in der Bio-Mülltonne landet. Genau so läuft es auch bei Paprikas, Kartoffeln, Zitronen usw. ab. Da alles was schon einmal gewaschen oder geschnitten wurde nicht mehr so lange hält findet man auch immer Salate, belegte Brötchen und Sandwiches, die noch vor einer Stunde im Regal zum Kauf verlockten. Ebenfalls zu finden ist eine große Menge an Gebäck. Besonders bei Gebäck besteht das Problem, dass noch kurz vor Ladenschluss die Regale gefüllt werden, um den Kunden die maximale Auswahl zu bieten und das nicht verkaufte anschließend in der Tonne landet.

Die für uns überraschendste Aussage nach der Dumpster Diving Challange war  „Dumpster Diving fördert die Kreativität“ die unabhängig voneinander von mehreren Mülltauchern zu hören war. Nachfolgend eine kurzes Statement dazu:


„Man findet auch Sachen, die man normalerweise im Geschäft nicht kaufen würde, wie zB unbekannte Gemüsesorten, exotische Früchte, oder Produkte, die man nicht kennt. Gleichzeitig sind nicht immer die gleichen Lebensmittel da. Die Größe und Zusammensetzung der Ausbeute variiert markant vom Tag zu Tag, was das Ganze noch spannender macht. Dementsprechend muss man dann auch seine Essgewohnheiten und vor allem Kochgewohnheiten anpassen. Man wird viel flexibler und versucht einfach alles, was man gefunden hat, so gut wie möglich zu verwerten. Ich persönlich sehe das aber in keinem Fall als Beschränkung. Geradezu das Gegenteil war der Fall und ich habe während diesem Monat viel Neues ausprobiert. Für mich unbekannte Gemüse- und Obstsorten, kreative Kombinationsmöglichkeiten und neue Rezeptideen haben mich und insbesondere meine Kochfertigkeiten bedeutend vorangetrieben.“

Was im Rahmen dieser Kochexperimente alles entstanden ist wird in nachfolgenden Fotos, die die Transformation des Abfalls in leckere Mahlzeiten dokumentieren, gezeigt.

Lebensmittel am Weg von der Tonne zurück aufs Teller.

Lebensmittel am Weg von der Tonne zurück auf den Teller.

Gedumpstertes Frühstuck, wie lecker!

Gedumpstertes Frühstück, wie lecker!

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Haferflockenbrei mit ’second-hand‘ Obst, Mango Lassi, gesunde Vollkorn-Apfel-Cookies, Ananas Schnitte mit Joghurt und Blüten

Gefüllte Paprika mit Couscous, Grenadieren Marsch frisch aus der Tonne ausmaschiert, Risotto mit Parmesan, Roggenbrot mit ein Tag abgelaufenem Liptauer und Radischen aus der Tonne.

Gefüllte Paprika mit Couscous, Grenadier Marsch frisch aus der Tonne raus marschiert, Risotto mit Parmesan, Roggenbrot mit einem Tag abgelaufenem Liptauer und Radischen aus der Tonne.

Wenn man alle die Lebensmittel, die weggeschmissen werden, sieht ist man fassungslos. Wir haben uns allerdings auch Gedanken darüber gemacht warum die gefundenen Lebensmittel in der Mülltonne gelandet sind. Wie schon vorhin erwähnt ist ein Grund warum Produkte weggeschmissen werden die Großpackung. Ein weiterer Grund ist das abgelaufene MINDESThaltbarkeitsdatum. Aus eigener Erfahrung sind diese Produkte aber noch Tage nach dem Überschreiten des Mindesthaltbarkeitsdatums ohne Probleme genießbar. Produkte mit Druckfehlern oder beschädigter Packung, die nur visuelle Mängel aufweisen, landen ebenfalls in der Tonne. Nur selten findet man Sachen, die wirklich schimmelig oder nicht mehr essbar sind. Ungenießbar werden die Lebensmittel erst mit der Unterbringung im Container (zB unverpackte Produkte, Produkte die man nicht waschen kann, …).

Bleibt nur zu hoffen, dass sich schon bald Änderungen in der Legislative durchsetzen (siehe Beispiel aus Belgien) und die Produkte in Zukunft getrennt von Schmutz und Bakterien gelagert und weiter verteilt werden. Diese Veränderung würde nicht nur vielen Menschen helfen, sondern auch zu einem nachhaltigeren Umgang mit Lebensmitteln beitragen.

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